Heldentag

viele Helden

Es gibt diese Tage, an denen man ganz fest an jemanden denkt – an seine Kinder, die zum ersten Mal alleine den Schulweg unter ihre Füsse nehmen. An seine Eltern, die ihr geliebtes Haus verlassen und in eine kleine Wohnung umziehen. An seine Schwester, die voller Bangen im ärztlichen Wartezimmer sitzt mit der Gewissheit, dass sie nach diesem Termin etwas mit Bestimmtheit weiss – gesund oder krank, gutartig oder bösartig, positiv oder negativ. Wobei dann ja positiv negativ ist und negativ positiv. Oder man denkt an jemanden, der einen besonders schweren und schwierigen, oder einen besonders grossartigen Tag vor sich hat. Es gibt diese Tage, an denen man zwar alle To-dos erledigt, aber nie ganz bei der Sache ist und, ganz ehrlich gesagt, völlig neben den Schuhen steht deswegen.

So ein Tag ist heute. Meine Gedanken sind in der Ferne, meine Daumen schon seit der ersten grauen Morgenstunde fest in meiner geschlossenen Faust verborgen. Ich wünsche mir, nur für einen einzigen Tag, oder wenigstens für einige Stunden, eine Fliege zu sein, überall hinfliegen zu können und dabei zu sein, ohne dass es jemandem auffallen würde. Wünsche mir, zusehen und zuhören und über jede Sekunde meine schützende Hand halten zu können. Was jetzt schon etwas kitschig klingt, doch das Bild von der Hand, die alle bösen Worte und Taten abwenden kann, gefällt mir einfach zu gut. Nicht, dass ich das wirklich könnte, aber wünschen…

Heute sind meine Gedanken nicht bei mir und ich überlege wohl zum tausendsten Mal, weshalb ich noch immer nicht in der Lage bin, mich an jeden beliebigen Ort zu beamen. Schon als Kind war ich nach meinem ersten Blick auf Raumschiff Enterprise überzeugt, dass ich das unbedingt erlernen will, das Beamen. Ich dachte damals natürlich, dass ich, wenn ich dann gross wäre, dies ohne Probleme hinbekommen würde – so schwierig sah das wirklich nicht aus. Da habe ich mich getäuscht, und wie! Und jetzt stehe ich mitten in meiner Wohnung, völlig konzept- und antriebslos und weiss nicht, weshalb ich grad vor dem Kühlschrank stehe, denn meine Gedanken sind nicht bei mir. Mechanisch koche ich Tee, wie ein Roboter leere ich den Briefkasten, unfähig, die erhaltene Post auch zu lesen. Der Sekundenzeiger lässt sich in diesen Stunden unglaublich viel Zeit, um seine Kreise zu ziehen und die digitale Anzeige auf dem Display des Radios ist auch nicht schneller. Von .07 auf .08 dauert ewig! Die Zeit lässt sich Zeit heute.

Dennoch muss ich eingestehen, dass plötzlich die Sonne schien und das Licht heller wurde. Ich fand mich zu dieser Zeit auf meinem einzigen bequemen Sessel wieder, die Füsse auf dem warmen Radiator vor mir und die Blicke nach innen gerichtet. Die Sache mit den nach innen gerichteten Blicken beherrsche ich gut, ganz im Gegensatz eben zum Beamen. Doch beim nach innen schauen, da bin ich eine richtige Meisterin. Wenigstens das. Da schaue ich also nach innen und sehe Dinge, die an einem ganz anderen Ort geschehen. Das ist einfach toll! Als ich da eben auf einer Innen-Weitweg-Reise bin, wird plötzlich alles in ein helles orange getaucht und die Sonne ist da. Was ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass tatsächlich Zeit vergangen ist. Also doch!

Obwohl ich eigentlich nur auf den befreienden Telefonanruf warte, erschrecke ich ganz fürchterlich, als das Ding dann endlich klingelt – es ist zwar eher so ein seltsames Piepsen, aber wie auch immer, jedenfalls meldet sich das Telefon und fordert mich auf, den Anruf entgegen zu nehmen. Was ich ohne zu zögern tue.

Und es ist gut. Es ist vorbei. Alles gesagt. Überstanden. Ausatmen. Ruhig sein, nur hören, dass da jemand am anderen Ende der Leitung ist. Einatmen geht von selber. Ein bisschen erzählen. Nicht viel, der Rest kommt dann später. Lachen. Noch etwas zaudernd, aber lachen. Und schon wieder ein Hauch von Kitschigkeit, doch ich kann euch sagen, dieser Tag hat das auch verdient. Eine richtig fette Menge an Kitsch und Glorienschein und Heldentum. Es ist gut. Es ist vorbei. Alles ist gesagt. Und es ist erst noch der Beginn vom Frühling. Grosses Kino.