
Irgendwann mitten in der Nacht frischte der Wind auf, die Wellen wurden höher und Gischt spritzte an mein Bullauge. Deshalb bin ich auch kurz erwacht. Aber auch gleich wieder abgetaucht. Mit dem ersten Blinzeln schob ich das Rollo leicht in die Höhe und erhaschte grad noch die vorbeihuschenden roten Jacken – und schon waren sie vorbei. Ich bin ja noch nicht vertraut mir den Gepflogenheiten an Bord, doch Morgenjogging auf dem Umlaufdeck gehört ganz eindeutig dazu.
Kleine Anmerkung:
Man kann von aussen nicht durch die Bullaugen in die Kabinen sehen, das Glas ist eine Art verspiegelt. Hinausschauen geht aber wunderbar. Wenn innen das Licht brennt, dann ist es mit der Privatsphäre vorbei und das Rollo kommt zum Einsatz.
Aufstehen also, es zieht mich förmlich nach draussen. Ich bin schon lange nicht mehr freiwillig so früh und aufgestanden, echt. Oben auf Deck 9 bin ich ganz alleine, der Morgen ist einfach umwerfend schön. Vor uns liegt Kristiansand, dort docken wir für neun Stunden an. Das Wasser ist mittelmeerig, der Wind ist frisch und die Motoren surren ganz zuversichtlich. Das Helly Hansen-Duo taucht auf, ein bisschen ausser Atem vom Treppensteigen, doch sie scheinen ganz zufrieden mit ihrem Partnerlook und dem gewohnheitsmässigen Hin und Her. Sie nicken mir kurz zu und haben dann schon wieder einen Plan, wo sie hinlaufen sollten.
Kaffee ist angesagt. Das Morgenbuffet ist ein Traum und ich befürchte, dass ich um diverse Kilos schwerer sein werde, wenn ich dann am 5. April in Bergen von Bord gehe. Ja nu. Wortfetzen rundum, manchmal etwas dümmlich, doch wer bin ich denn…ich bin mir wohl diese eine Art von Mitreisenden einfach nicht gewohnt. Es gibt auch die Lustigen, die Aufgeregten und dann natürlich die Japanerinnen, die ihren Männern Gemüseteller auf den Frühstückstisch reichen. So gut! Oder die Wortlosen. Es ist echt interessant zu sehen, wer sich auf so eine Reise begibt. Viele Sportfans in adäquater Kleidung und schon mit Rucksack beim Zmorge, Frauenquartette, die noch ein bisschen an einem Hangover von letzter Nacht leiden und über alles und jedes kichern. Wunderbar. Ich sitze noch alleine bei Tisch, ernte hie und da etwas mitleidige, manchmal auch beneidende Blicke. Wir müssen uns alle noch aneinander gewöhnen, was sicher noch eine Weile dauert. Also geniesse ich einfach und bin ganz erstaunt, dass mich nichts, einfach gar nichts stört.
Es sind auch Menschen an Bord, die hervorstechen. Die verliebten Alten, die zittrig Hände haltend durch die Decks spazieren. Ach so schön! Die nach aussen hin Gelangweilten, die etwas verloren in die Gegend starren – alles Interpretation, jaja. Die erprobten Hurtigrütler, die alles bereits wissen und mit ihrem Wissen auch nicht hinter dem Berg halten. Und die richtig Netten und Höflichen, die Lächeln beim geringsten Augenkontakt und einem stets die Tür aufhalten. Und die Fotografen. Ja. Und die Ewigtelefoniererinnen und diejenigen mit Kleinkindern. Am meisten aber, bis jetzt wohlbemerkt, sticht der Mann aus Texas hervor. Ich habe ganz vergessen, dass es Menschen gibt, die so klassisch einem Cliché entsprechen! Einmalig! Selbst der dunkle Hut mit breitem Rand, dessen Seiten nach oben gebogen sind und das karierte Hemd mit Weste fehlt nicht. Und die Kamera mit dem übergrossen Teleobjektiv. Und die Wortlosigkeit. Und die Zuvorkommenheit. Faszinierend.
Heute Abend umrunden wir das Südkap Norwegens. Ich weiss nicht genau, was das bedeutet, doch rund um das Schiff ist die Crew in ihren leuchtend gelben Anzügen dabei, die Rettungsboote zu putzen und auf Vordermann zu bringen. Vielleicht ist es Routine, vielleicht ist auch der Wetterbericht schlecht. Die Nacht wird es zeigen.
Kleiner Nachtrag: Um 20.40h umrundeten wir das Südcap. Das Lyndesnes Fyr zur Rechten, die offene See zur Linken und alles in tiefem Schwarz (ausser dem Leuchtfeuer natürlich). Der Wellengang ist sanft, die Götter meinen es gut mit uns.
